Slavoj Žižek über Peter Sloterdijk: Die Revolution findet doch statt, nur anders

Slavoj Žižek About Peter Sloterdijk: The Revolution Takes Place, Only Differently
Slavoj Žižek About Peter Sloterdijk: The Revolution Takes Place, Only Differently

Peter Sloterdijk ist einer der akkuratesten Diagnostiker unserer Zeit. In seinem Werk «Zorn und Zeit» bietet er ausgehend von der Unterscheidung zwischen Eros (Begehren, also Haben-Wollen, also Besitz von Objekten) und Thymos (Stolz, also Geben-Wollen, also Anerkennung) eine alternative Geschichte des Westens an – als Geschichte der Zornverwaltung. Die «Ilias», deren Gründungstext, beginnt in der Tat mit dem Wort «Zorn». Homer ruft die Göttin an, ihm beizustehen, wenn er den Gesang vom Zorn des Achilles anstimmt. Obwohl der Streit zwischen Achilles und Agamemnon eine Frau betrifft – Agamemnon raubte Achilles dessen Sklavin Briseis –, geht es nicht um den Verlust eines erotischen Objekts, sondern um verletzten Stolz. Und genau das ist Sloterdijks Punkt.

Während im antiken Griechenland der Zorn explodieren darf, erfährt er in der jüdisch-christlichen Tradition einen tiefgreifenden Wandel, eine Sublimierung, einen Aufschub. Nicht mehr wir, sondern Gott führt Buch über unsere Verfehlungen und entscheidet darüber am Tag des Jüngsten Gerichts. Das christliche Verbot der Rache ist das genaue Gegenstück zur apokalyptischen Szene der letzten Tage. Die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts, in dem alle angehäuften Schulden abbezahlt werden und eine aus den Fugen geratene Welt zurechtgerückt wird, lebt in säkularisierter Form in modernen linken Projekten weiter.

Nun ist der Richter nicht länger Gott, sondern das Volk. Linke politische Bewegungen funktionieren in der Tat wie Zorn-Banken. Sie sammeln kollektive Zorn-Investitionen und versprechen den Leuten im Gegenzug langfristige Rache-Zinsen, also die Etablierung einer gerechteren Welt. Weil nach der revolutionären Zorn-Explosion die ultimative Zahlung nie stattfindet und Ungleichheit und Hierarchie immer wieder auftauchen, besteht stets ein Drang zur zweiten – wahrhaftigen, totalen – Revolution. Sie erst soll die Enttäuschten befriedigen und die Befreiung zu Ende bringen: 1792 nach 1789, Oktober nach Februar 1917.

Und die Revolution?

Dies führt uns zum grossen Problem des westlichen Marxismus heute: dem Fehlen eines revolutionären Subjekts. Wer kann die Rolle der einstigen Proletarier einnehmen?

[Extrakt. Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 26. Juni 2017. English translation here.]

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